Salzburger Eltern berappen für Nachhilfe jährlich 5,5 Millionen Euro
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Nicht erst seit „Pisa“ wird über das österreichische Schulsystem diskutiert. Jetzt untermauert eine aktuelle und brisante Nachhilfestudie, die von der AK in Auftrag gegeben und von IFES bundesweit durchgeführt wurde, die Kritik: Österreichs Eltern legen für Nachhilfe jährlich rund 126 Millionen Euro auf den Tisch – in Salzburg sind das satte 5,5 Millionen Euro! AK-Präsident Siegfried Pichler: „Wo bleibt da die Chancengleichheit? Wer kann sich das leisten? In einem modernen Bildungssystem müssen Leistung und Chancengerechtigkeit eng miteinander verknüpft sein – davon sind wir weit entfernt!“
Die Studie zeigt außerdem auf: Das System Schule produziert einen einträglichen Nachhilfemarkt für die eigenen Lehrer. De facto wird ein Drittel der bezahlten Nachhilfestunden von den Lehrerinnen und Lehrern gegeben. AK-Präsident Pichler: „Sinn der österreichweiten AK-Studie war es, erstmals fundierte empirische Grundlagendaten zur Nachhilfe-Thematik zu liefern. Wir wollten vor allem die finanziellen Belastungen der Eltern damit aufzeigen. Bisher war man bei dieser wichtigen Frage auf vage Schätzungen angewiesen.“
Fast jeder 4. Salzburger Haushalt braucht Nachhilfe
Das Ergebnis, so AK-Präsident Siegfried Pichler, sei allerdings im negativen Sinne überwältigend. Rund die Hälfte der Salzburger Eltern, die für ihr Kind eine bezahlte Nachhilfe engagieren, sind laut Umfrage dadurch finanziell stark beziehungsweise spürbar belastet. Und das betrifft sehr viele Familien: In fast jedem 4. Salzburger Haushalt mit Schulkindern (12.000) wird Nachhilfe gebraucht, davon leisteten sich 9.400 Haushalte bezahlte Nachhilfe. Laut Studie ist der Bedarf allerdings noch höher (Details ab S. 2). AK-Präsident Siegfried Pichler: „Schule und Alltag sind heute ohnehin teuer, dazu noch die offenbar unvermeidbaren Nachhilfekosten – und das alles in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Hier ist das Wegbrechen wirtschaftlich benachteiligter Familien und deren Kinder vorprogrammiert. Das ist akzeptierte Chancen-Ungerechtigkeit!“.
Gegensteuern: Fördern, betreuen
Nicht nur bei den befragten Eltern besteht ein breiter Konsens darüber, dass es dringend nötig ist, gegenzusteuern. Die Forderungen der Salzburger Arbeiterkammer treffen hier mit der Position vieler Schulexperten und den Wünschen der Eltern überein:
- Acht von zehn Eltern sind der Ansicht, dass der generelle Ausbau des Förderunterrichtes an unseren Schulen den Bedarf an einer kostenintensiven privaten Lernhilfe deutlich reduzieren würde.
- Die große Mehrheit der Eltern, nämlich 71%, erwarten von einer schulischen Nachmittagsbetreuung mit individueller Förderung eine deutliche Senkung der Nachhilfebelastung.
- Rund die Hälfte der Eltern geht auch davon aus, dass ein Ausbau der Ganztagesschulen mit verpflichtender Anwesenheit am Nachmittag und individueller Förderung geeignet wäre, die bezahlten Nachhilfen für die Kinder einzudämmen.
Mehr zu den Reformmöglichkeiten im letzten Kapitel „AK-Forderungen“.
Details der Studie in Kurzform
Durchführung der Studie von IFES, dem Institut für empirische Sozialforschung: Von April bis Mai 2010 wurden bundesweit 2.760 Eltern (mit rund 4.400 Schulkindern) in Telefoninterviews befragt. Speziell in Salzburg wurden 300 Eltern (rund 556 Schulkinder) in die Erhebung einbezogen.
DIE NACHILFE-NOTWENDIGKEIT LIEGT NICHT AN DEN ELTERN, SONDERN AM SYSTEM DER SCHULE- Rund drei Viertel der Salzburger Eltern lernen mit ihren Kindern und kontrollieren die Hausaufgaben.
- Außerschulische Nachhilfe ist weitgehend unabhängig davon, wie viel Zeit die Eltern in die Beaufsichtigung der Aufgaben und des Lernens investieren (können). Nachhilfebedarf ist also nicht etwa Folge einer schulischen Vernachlässigung der Kinder durch die Eltern, sondern resultiert vor allem daraus, dass der Lehrstoff in der Schule nicht nachhaltig bewältigt und vertieft wird.
- 23% der Salzburger Eltern (knapp 12.000 Haushalte) bestätigen, dass ihr Kind im letzten Jahr externe Nachhilfe gebraucht hat. Bei knapp einem Fünftel aller Haushalte mit einem Schulkind handelt es sich um bezahlte Nachhilfe (18%/rund 9.400 Haushalte). Weitere 11% (rund 5.700 Haushalte) hätten gerne bezahlte Nachhilfe gehabt. Umgerechnet bedeutet das einen Nachhilfebedarf für rund 20.000 Salzburger Schülerinnen und Schüler.
- Die bezahlte Nachhilfe erfolgt zu je einem Drittel von einem Nachhilfe-Institut oder einer Lehrkraft (der Rest entfällt auf Unterstützung von Studenten, Schülern oder anderen Personen). Vom privat finanzierten Unterstützungssystem profitiert also auch ein beträchtlicher Teil der Lehrerinnen und Lehrer.
- Nachhilfe ist vor allem vor Schularbeiten und Tests nötig (50% derer, die Nachhilfe hatten). Überaus hoch (39%) ist aber auch der Anteil derer, die für ihr Kind eine Nachhilfe während des ganzen Schuljahres brauchen.
- Hauptgründe für Nachhilfe: Schlechte Noten von vornherein verhindern oder vor dem Zeugnis noch ausbessern, um den Aufstieg in die nächste Stufe zu schaffen.
- Die durchschnittliche finanzielle Belastung für Nachhilfe beträgt für die betroffenen Salzburger Haushalte rund 608 Euro pro Jahr (Mittelwert). Rund die Hälfte davon fühlt sich dadurch belastet: 13% sind „sehr stark“ und 36% „spürbar“ belastet. Hochgerechnet geben die Salzburger Eltern pro Jahr insgesamt rund 5,5 Millionen Euro für Nachhilfe aus. Bundesweit betragen die jährlichen Nachhilfekosten für die Eltern rund 126 Millionen Euro.
WO BLEIBEN BILDUNGSGERECHTIGKEIT UND CHANCENGLEICHHEIT? - Rund die Hälfte der Salzburger Eltern, die für ihr Kind eine bezahlte Nachhilfe engagieren, sind dadurch finanziell stark beziehungsweise spürbar belastet. Die Studienautoren: „Wie die bundesweite Analyse zeigt, trifft dies insbesondere auf die sozial und finanziell schwächeren Haushalte zu, sofern sich diese eine bezahlte Nachhilfe überhaupt leisten können. Dass dies negative Effekte auf Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit hat, liegt auf der Hand.“
WER ES SICH LEISTEN KANN, FÜR DEN GEHÖRT NACHHILFE ZUR „SCHULKARRIERE“ - Für die Autoren der Studie ist als Schlussfolgerung klar, dass private beziehungsweise externe Nachhilfe in Österreich nötig ist, um den Schulerfolg der Kinder zu gewährleisten. Dies sei in unserem Schulsystem „offenkundig systemimmanent“. In der ganzen Nachhilfe-Problematik manifestiere sich ein grundlegendes Defizit unseres Bildungssystems. Nachhilfe sei nicht die Ausnahme, um Schwächen zu beheben, sondern ein „privater schulbegleitender und damit entsprechend teurer Ergänzungsunterricht, der die schulischen Förderdefizite (oft auch erfolgreich) ausgleicht.“
SOZIALE UNGERECHTIGKEIT WIRD GEFÖRDERT - Dass Nachhilfe also bei vielen Schülerinnen und Schülern zur „Schulkarriere“ gehört, die deren Eltern teuer zu stehen kommt, und Schule einen boomenden Nachhilfemarkt produziert, führt vor allem zu einem: es wird die soziale Ungerechtigkeit gefördert, Kinder aus weniger bemittelten Familien werden benachteiligt. So eine der Schlussfolgerungen der Studie.
„Man muss sich fragen“, so AK-Präsident Siegfried Pichler, „wollen wir das? Doch ganz sicher nicht! Schule muss die Chancengerechtigkeit fördern. Schule muss so funktionieren, dass Nachhilfe, die sich die einen leisten können und die anderen nicht, grundsätzlich gar nicht nötig ist. Die Arbeiterkammer engagiert sich seit langem im Bildungsbereich und hat sich auch in Sachen Schulreform immer wieder zu Wort gemeldet. Wir hoffen sehr, dass mit der nun vorliegenden Studie einiges in die richtige Richtung weitergeht. Die Ergebnisse müssten bei den Verantwortlichen doch sämtliche Alarmglocken läuten lassen!“
AK-FORDERUNGEN ZUR REFORM IM BILDUNGSBEREICH- Die Schule schiebt die Verantwortung für den Lernerfolg auf die Eltern ab. Wir brauchen eine Schule, die Chancengerechtigkeit fördert und den modernen Anforderungen gerecht wird. Deshalb fordert die AK die Einführung eines flächendeckenden Angebots an schulischer Nachbetreuung. So sollten alle Schulen nach Bedarf ein ganztägiges Angebot führen.
- Die derzeitige Praxis der Auslese der Kinder mit neuneinhalb Jahren ist zu früh. Das belegen alle internationalen Studien. Jene Länder, die bei PISA erfolgreich abschnitten (wie Finnland oder die Niederlande etc.), haben gemeinsame Schulen bis mindestens zwölf, meist bis 16 Jahre und eine Ganztagesbetreuung. „Dort haben Familien keine Probleme mit privater Nachhilfe. Auch unsere Halbtagsschule sollte ein Auslaufmodell sein!“, so AK-Präsident Siegfried Pichler. Die Einführung einer gemeinsamen Mittelschule für alle Zehn- bis 14-Jährigen mit individueller Förderung aller Kinder wäre ein wichtiger Schritt zur Chancengerechtigkeit.
- In dieser gemeinsamen Schule muss die Förderung aller Kinder, der Schwächeren und der Begabteren, gewährleistet sein. Dazu bedarf es einer stärkeren Binnendifferenzierung innerhalb der Schulen und den Ausbau von praxis- und projektorientierten Unterrichtselementen. Und einer gemeinsamen LehrerInnenausbildung. Anzustreben ist daher die Einführung einer vereinten Basisausbildung für alle pädagogischen Berufe (Kindergartenpädagogik, Pflichtschulen, AHS/BHS, auch Erwachsenenbildung) an einer gemeinsamen hochschulischen Einrichtung.
- Ziel ist es, mittelfristig den Nachhilfemarkt auszutrocknen. Und zwar durch die Individualisierung des Unterrichts und den Ausbau des Förderunterrichts. So lange unser Schulsystem nicht reformiert wird, fordert AK-Präsident Pichler die kostenlose Förderung von NachhilfekandidatInnen im Rahmen der Nachmittagsbetreuung in den Schulen sowie eine individuelle Förderung im regulären Unterricht.
- Ein wichtiger Schritt zur besseren Förderung von Kindern wurde durch die Einführung eines verpflichtenden, kostenlosen Kindergartenjahres für Fünfjährige gesetzt. Für unter Fünfjährige ist die flächendeckende Versorgung mit kostengünstigen ganztägigen vorschulischen Angeboten zu sichern und auszubauen.
- Weiters fordert die Arbeiterkammer die Einführung eines Modulsystems in der Oberstufe und folglich Abschaffung des Sitzenbleibens und der Wiederholung einer ganzen Schulstufe. In einem modularen System werden die Lehrplaninhalte in Kursen statt in Unterrichtsgegenständen vermittelt. Anstelle der unnötigen Wiederholung aller Unterrichtsinhalte eines nicht bestandenen Schuljahres sollten nur die nicht bestandenen Kurse wiederholt werden.
- Berufs- und Bildungsorientierung muss für alle Schülerinnen und Schüler verpflichtend stattfinden – in Form eines eigenen Unterrichtsfachs in der 7. und 8. Schulstufe. Für Jugendliche kann nur so eine breite Information über künftige Ausbildungsmöglichkeiten und die Auseinandersetzung mit den eigenen Interessen und Fähigkeiten gewährleistet werden.
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