Jeder Zwanzigste süchtig: Prävention ist mehr als ein schlechtes Gewissen
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Im Rahmen des von den beruflichen Fortbildungszentren (bfz) betreuten EuRegio-Projekts „Suchtprävention in Klein und Mittelbetrieben“ ziehen bfz, AK und die anderen Projektpartner nach dreijähriger Aufbauarbeit jetzt Bilanz.
Jeder Betrieb im Gebiet der EuRegio Salzburg – Berchtesgadener Land – Traunstein muss damit rechnen, dass 5% seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter alkoholkrank sind. Der Schaden für die Betriebe ist beträchtlich. Alkoholkranke weisen 16-mal höhere Fehlzeiten auf und sind 3,5-mal häufiger in Arbeitsunfälle verwickelt. Das ergibt allein im Bundesland Salzburg einen betrieblichen Schaden von jährlich 67 Millionen Euro.
- 600 Beschäftigte wurden geschult
- Suchtprävention hilft betrieblichen Schaden zu reduzieren
- Handlungsleitfaden sorgt auch in Zukunft für mehr Sicherheit
- Trotz Projektende: Prävention in Salzburger Betrieben bleibt
600 Beschäftigte wurden geschult
Unter diesen Aspekten der menschlichen Hilfe und des Kostenfaktors für Mensch und Wirtschaft ist das Projekt SuchTeam im Jahr 2006 angelaufen. Zieht man nun Bilanz, so ergeben sich folgende Zahlen: 150 Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) nahmen Kontakt zu den Fachberatern auf. Rund 90 Personalverantwortliche ließen sich im konkreten Anlassfall beraten. In 40 Betrieben wurden Betriebsvereinbarungen im Umgang mit Sucht abgeschlossen. In 15 Fällen führte das SuchTeam zusätzlich individuelle Inhouseschulungen - für 60 Führungskräfte, mehrheitlich im Bereich Gesprächsführung - durch. Insgesamt haben etwa 600 Arbeiter und Angestellte an Schulungsmaßnahmen teilgenommen. Für Einzelberatungen betroffener Arbeitnehmer, die sich in Suchtfragen direkt an das SuchTeam wandten, wurden 350 Beratungsstunden aufgewendet. Eine modulare Weiterbildung zur Fachkraft für betriebliche Suchtprävention im Umfang von 90 Weiterbildungseinheiten wurde mit 10 Teilnehmern aus der Grenzregion erfolgreich durchgeführt.
Außerdem entwickelte das SuchTeam speziell auf die Bedürfnisse von Frauen abgestimmte Beratungs- und Schulungskonzepte.
Zur Unterstützung der Betriebe im konkreten Anlassfall entwickelten die Fachberater einen kompakten Handlungsleitfaden, der an zahlreiche Firmen in der Grenzregion versandt wurde und als Download auf der Homepage zur Verfügung steht.
In Zusammenarbeit mit dem Projektpartner Arbeiterkammer Salzburg wurden spezielle Schulungen für Sicherheitsvertrauenspersonen konzipiert und durchgeführt. Zu den 12 Veranstaltungen kamen rund 160 Sicherheitsvertrauenspersonen.
Suchtprävention hilft betrieblichen Schaden zu reduzieren
Die Salzburger Bildungseinrichtung Berufliche Fortbildungszentren (bfz) gemeinnützige GmbH und der Landesverband für Psychohygiene haben im Frühjahr 2006 die Suchtpräventionsstelle „SuchTeam“ als EuRegio-Projekt gemeinsam ins Leben gerufen. Aufbauend auf dem Know-how der Fachambulanz der Caritas Bad Reichenhall wurde die Beratung in der Stadt Salzburg aufgebaut. Strategische Partner des Projekts sind das Land Salzburg, Arbeiter- wie auch Wirtschaftskammer Salzburg, Gebietskrankenkasse, AUVA, ÖGB, Caritas und der Fonds Gesundes Österreich. Das Projekt lohnt sich für alle Involvierte in jeder Hinsicht: Denn beim Return of Investment in betrieblichen Gesundheitsfragen geht man von einem Faktor von 1 zu 2,5 aus. Für jeden investierten Euro an Suchthilfe sollte dem Betrieb das 2,5-fache an Produktivität zu Gute kommen.
Bfz-Leiterin Silvia Schwarzenberger:
„Durch die EU-Finanzierung konnte das Projekt in den letzten 3 Jahren viele Betriebe erreichen und wertvolle Aufklärungsarbeit im Umgang mit dem Tabuthema „Sucht im Betrieb“ leisten. Aufbauend auf diesen 3-jährigen Erfahrungen stehen wir den Betrieben im Suchthilfepräventionsbereich als kompetente Ansprechpartner zur Verfügung.“
Projektleiterin und Suchtpräventionsexpertin Ute Lorenzl vom bfz:
„Suchterkrankung ist nach wie vor ein Tabubereich. Sowohl die Betriebe als auch die Betroffenen geben nicht gern zu, dass eine und wir sprechen vorwiegend vom Thema Alkohol - Problematik im Unternehmen besteht. Wir haben viele Betriebe erreicht, aber an die Öffentlichkeit gehen sie mit der Thematik nicht. Im Allgemeinen und bei der Ausbildung zum Suchhelfer standen die Vermittlung einer strukturierten Vorgangsweise und die Ansprache des Alkoholproblems im Vordergrund. Man glaubt nicht, wie schwer es ist, ein Alkoholproblem am Arbeitsplatz richtig anzusprechen.“
AK-Vizepräsidentin und ÖBG-Landesfrauensekretärin Monika Schmittner:
„Wir haben dieses wichtige Projekt als AK von Anfang an logistisch und finanziell unterstützt. Die Folgen von Krankheiten im beruflichen Umfeld, vor allem wenn Sie auch psychisch bedingt sind, werden immer noch unterschätzt. Allein in Salzburg entsteht dadurch monatlich ein Schaden von 5,5 Millionen Euro. Diese erheblichen Folgekosten können genauso vermieden werden, wie die sozialen und gesundheitlichen Probleme der betroffenen Arbeitnehmer. Wirksame Suchtprävention packt das Problem an der Wurzel – und sie muss im Interesse aller liegen. Wegschauen und ein schlechtes Gewissen haben hilft den Betroffenen nicht.
Kollegen und Mitmenschen müssen fähig sein, ihnen den Rücken zu stärken, Hilfe zu leisten! Darum unterstützen AK und ÖGB diese Aktion. Als AK-Vizepräsidentin freue ich mich außerdem, dass das Thema Suchtprävention in unsere bewährte Ausbildung zur Sicherheitsvertrauensperson integriert werden konnte und ein geschlechtssensibler Zugang zum Thema Sucht erarbeitet wurde. Allein dadurch gibt es jetzt mehr als 160 Multiplikatoren und Multiplikatorinnen in Salzburgs Betrieben, die wissen, wie sie dieses heikle Thema im Unternehmen und auf persönlicher Ebene ansprechen können. Alles in allem waren rund 50 Prozent der insgesamt 600 Teilnehmer Betriebsräte oder Sicherheitsvertrauenspersonen.
Außerdem wurden die Gebirgsgaue bewusst verstärkt einbezogen, da die regionale Ebene oft zu kurz kommt – genauso wie mittlere und kleine Betriebe unter zehn Mitarbeitern. Dort sind nämlich nur zweijährliche Einsätze eines Arbeitsmediziners vorgesehen. Egal wo, die Menschen können – zum Beispiel im Rahmen des vorbildlichen Projekts „SuchTeam“ – in jeder Hinsicht auf die AK und deren Partner zählen, wenn es um ihre Rechte, ihr Wohlergehen und ihre Bedürfnisse im beruflichen Umfeld geht.“
Handlungsleitfaden sorgt auch in Zukunft für mehr Sicherheit
Wichtig ist eine klare Linie im Umgang mit Suchtmittelproblematiken im Betrieb. Dies umfasst sowohl das zeitgerechte unmittelbare Ansprechen der auffälligen Person, die Anwendung einer vereinheitlichten Vorgehensweise, etwa eines Stufenplans im Anlassfall sowie Regelungen zum Umgang mit Suchtmitteln im Betrieb allgemein. Das Projekt SuchTeam hat zahlreiche Informationsmaterialien und Schulungsmodule entwickelt, die eine frühe Erkennung und weitergehende Betreuung sowie Prävention in jedem Betrieb möglich machen sollten. Ein Stufenplan zur betrieblichen Suchtprävention kann zum Beispiel so aussehen:
- rechtliche Grundlagen zum Suchtmittelgebrauch im Betrieb
- Erkennen der akuten bzw. andauernden Beeinträchtigung
- Ansprechen der betroffenen Person anhand eines Gesprächsleitfadens
- Erkennen von suchtförderndem Verhalten im Betrieb
- Hilfsangebote für Betroffene
Trotz Projektende: Prävention in Salzburger Betrieben bleibt
Mit dem nunmehr erfolgten Abschuss des grenzüberschreitenden SuchTeam-Projekts endet die betriebliche Suchthilfe für Salzburg nicht, im Gegenteil: Unternehmen können das im Projekt aufgebaute Know-how nutzen. Beratungsangebote wie die Erarbeitung von Betriebsvereinbarungen, Ausarbeitung von Stufenplänen, Inhouseschulungen bis hin zu weiteren Ausbildungen von Suchthelfern bietet in Zukunft das bfz Salzburg an. Die Hotline des Suchteams wird ebenfalls weiterhin aufrecht bleiben – und das bfz arbeitet auch in Zukunft mit dem Sozialmedizinischen Dienst (SMD) Salzburg der Alkoholambulanz der Christian Doppler Klinik (CDK), der Salzburger Drogenberatung, Ambulanzen der Sonderkrankenhäuser für Alkohol- und Medikamentenabhängige und der Bad Reichenhaller Fachambulanz für Sucht zusammen.
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