Moderne Arbeit macht viele krank: Jeder 5. steht unter Burnout-Gefahr
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Moderne Arbeit macht viele Menschen krank. Sie sind körperlich abgearbeitet. Oder leiden unter Zeitdruck: Jeder 5. Salzburger Berufstätige steht unter Burnout-Gefahr. Zum persönlichen Leid kommt der Kampf um die Invaliditäts- oder Berufsunfähigkeits-Pension. Und kriegt man sie endlich, ist sie niedriger als die Alterspension. AK-Präsident Siegfried Pichler schlägt Alarm und hat sich einen erprobten Mitstreiter geholt: Günter Wallraff, den bekannten Aufdecker sozialer Ungerechtigkeiten. Thema: „Krankmachende Arbeit für gesunde Profite?“.
- Salzburg: Rund 23.000 Invaliditäts- und Berufsunfähigkeitspensionen
- Hunderte Klagen vor Gericht
- Zeitdruck macht Menschen fertig
- Invaliditätspensionisten: höhere Sterblichkeit
- AK fordert nicht nur, sie tut auch was
Salzburg: Rund 23.000 Invaliditäts- und Berufsunfähigkeitspensionen
Karl M., 52, Versicherungskaufmann, hatte sein Leben im Griff: liebevolle Familie, toller Job, 3.200 Euro netto Monatsverdienst. Dann erlitt er einen Herzinfarkt. Er wurde depressiv, beantragte eine Berufsunfähigkeitspension. Die Versicherung lehnte ab. Karl M. verlor die Arbeit, erlitt einen zweiten Herzinfarkt. Vor dem Sozialgericht musste er eine weitere Niederlage einstecken: trotz seiner Leiden, könne er ja leichte Arbeiten verrichten, hieß es. Doch Karl M. kriegt keinen Job, bezieht Notstandshilfe.
Das ist kein Einzelfall. Von den knapp 70.000 so genannten „Eigenpensionen“ sind in Salzburg rund 23.000 Invaliditäts- und Berufsunfähigkeitspensionen! Das sind fast 34 Prozent. Damit liegt Salzburg weit über dem Österreichschnitt von etwas mehr als 26 Prozent.
Hunderte Klagen vor Gericht
„Unsere Experten sind vor allem mit Fällen konfrontiert, in denen zumeist ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gesundheitlich angeschlagen sind, aus dem Arbeitsmarkt gedrängt werden und um ihre Invaliditätspension kämpfen müssen.“, sagt Pichler. Im vergangenen Jahr wurden von der AK Salzburg für 715 Beschäftigte Klagen gegen abweisende Pensionsbescheide beim Arbeits- und Sozialgericht eingebracht; 600 Klagen betrafen die Invaliditätspension – also ein Anteil von 84 Prozent!
Was passiert mit den Menschen? „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen bei steigender existenzieller Unsicherheit umfassend verfügbar, erreichbar, flexibel, mobil, einsatzwillig und lernbereit sein. Das schaffen nicht alle!“, weiß Cornelia Schmidjell, Leiterin der AK-Sozialpolitik.
Es nehmen Depressionen, Angststörungen und psychosomatische Beschwerden zu. In Österreich leiden derzeit 850.000 Menschen an Angstneurosen, 450.000 an Depressionen; 19 Prozent aller Berufstätigen stehen unter Burnout-Gefahr. Die Erkrankung der Psyche ist diejenige Krankheitsgruppe, die kontinuierlich anwächst.
Dieses Phänomen gibt es natürlich nicht nur in Salzburg und Österreich. Die „European Foundation for the Improvement of Living and working conditions” in Dublin führt seit 1991 alle fünf Jahre eine Erhebung durch. Danach fühlten sich 1991 48 Prozent, 2005 bereits 60 Prozent der Beschäftigten durch hohes Arbeitstempo belastet. Österreich gehört zu den EU-Mitgliedsstaaten mit der größten Arbeitsintensität. Mehr als die Hälfte der Arbeitszeit wird unter eine Kombination von sehr hohem Tempo und knappen, unaufschiebbaren Terminen gearbeitet.
Zeitdruck macht Menschen fertig
Laut einer Erhebung von Statistik Austria: vier von 10 Erwerbstätigen in Österreich waren 2007 an ihrem Arbeitsplatz physischen Belastungsfaktoren, wie Hantieren mit schweren Lasten, ausgesetzt, ein Drittel arbeitet unter psychisch belastenden Faktoren, vor allem Zeitdruck.
Insgesamt unterlagen 56 Prozent der Erwerbstätigen physisch und/oder psychisch belastenden Arbeitsbedingungen. 13 Prozent der erwerbstätigen Österreicherinnen und Österreicher gaben ausgeprägte gesundheitliche Beschwerden an. Die psychischen Belastungsfaktoren nehmen für Männer wie Frauen stetig zu: 33 Prozent der Erwerbstätigen sind zumindest einem psychischen Belastungsfaktor ausgesetzt, wobei Zeitdruck an erster Stelle steht.
Dies wird auch durch den Arbeitsklimaindex bestätigt, den die Salzburger Arbeiterkammer regelmäßig durchführt und dabei abfragt, wie die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ihre Lage einschätzen: einem Drittel der Beschäftigten in Salzburg bereitet Zeitdruck Stress. Vor allem Menschen ab 45 Jahren sowie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Bauwesen und im Bereich Verkehr, Transport leiden laut der AK-Studie darunter.
Invaliditätspensionisten: höhere Sterblichkeit
Gesundheitliche Beeinträchtigung bei den Invaliditätspensionisten führt dazu, dass ihre Sterblichkeit im Vergleich zu Alterspensionisten ungleich höher ist. Männer sterben um durchschnittlich 10 Jahre, Frauen um sieben Jahre früher, wenn sie während des Erwerbslebens invalid geworden sind.
Neben dem persönlichen Leid gibt es auch einen volkswirtschaftlichen Nachteil: Erhöhte Kostenbelastung für das gesamte Sozialversicherungssystem, Verminderung des qualifizierten Arbeitskräftepotentials, geringere Konsumnachfrage in Folge der Einkommenseinbußen.
Ruf nach Präventions-Gesetz
Die Experten wissen: mindestens 40 Prozent des gesamten Krankheitsgeschehens haben seine Ursachen in der Arbeit. Da kann der Einzelne gar nichts dafür. Deshalb muss den Menschen geholfen werden, wenn es sie erwischt. Erstens durch eine generelle Prävention, also Vorbeugung. Da sind die Sozialversicherungen gefordert, die mehr Geld flüssig machen müssen. Etwa bei Initiativen zum alternsgerechten Arbeiten. Oder für den Arbeitnehmerschutz. AK-Präsident Siegfried Pichler forderte in diesem Zusammenhang ein Präventionsgesetz, mit dem schon die Ursachen der Erkrankungen bei der Entstehung bekämpft werden kann.
Zweitens durch berufliche Rehabilitation. „Die gibt es heute praktisch nicht, dabei gehörte sie längst flächendeckend und mit Rechtsanspruch verwirklicht!“, sagt Cornelia Schmidjell. Damit sie greift, muss sie währen des – aus Gesundheitsgründen – gefährdeten Dienstverhältnisses ansetzen. Konkret das Potential einer Person analysieren und sie so qualifizieren, dass sie auf dem Arbeitsmarkt eine Chance hat.
AK fordert nicht nur, sie tut auch was
Um den wachsenden Gesundheitsbelastungen in den Salzburger Betrieben besser begegnen zu können hat sich die Arbeiterkammer Salzburg bereits im Jahr 2007 entschlossen, Betriebsräte und Gesundheitsvertrauenspersonen im Bereich Gesundheitsförderung auszubilden. Die Kursteilnehmer lernen moderne Managementmethoden um die Belastungen zu erfassen und auch zu reduzieren. „Als AK erscheint es uns wichtig Gesundheitsvertrauenspersonen auch in KMU´s zu installieren. Immerhin sind 98 Prozent der Salzburger Betriebe KMU´s“, sagt AK-Präsident Pichler. Bis jetzt führte die AK drei Lehrgänge durch. Im Frühjahr 2009 startet der vierte Lehrgang. Als wichtig erscheint uns auch die Vernetzung der Gesundheitsvertrauenspersonen nach Ende der Lehrgänge. Diese Vernetzung erfolgte bereits und wird im Frühjahr 2009 fortgesetzt.
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Infobox
Downloads
- Durchschnittspensionen der Unselbstängigen 2007 (pdf/196kb)
- Weitere Fälle: Viel Leid - wenig Geld (pdf/176kb)

