Realität im "Durchhaus" Tourismus: Jeder Dritte will abspringen

Im Tourismus wird hart gearbeitet – und das zu schlechten Bedingungen. Diese bekannte Tatsache spiegelt sich auch in den Ergebnissen des nun vorliegenden Arbeitsklima-Index Tourismus – Alles für den Gast?“ wider. AK-Vizepräsident Walter Androschin: „Die im Tourismus arbeitenden Menschen sind in der Regel engagiert und motiviert. Das wird ihnen aber oft mit unfairen Arbeitsbedingungen ausgetrieben. Kein Wunder, dass jeder dritte Beschäftigte im Tourismus den vollständigen Berufswechsel anstrebt!“

Der Arbeitsklima-Index zeigt die Realität der Tourismus-Beschäftigten hinter der Postkarten-Idylle: Enttäuschte Erwartungen, schlechte Karrierechancen, Stress bis zum Umfallen, zu wenig Geld für viel und harte Arbeit. Gemessen am allgemeinen Arbeitsklima-Index aller Salzburger Beschäftigten sind die Tourismus-Arbeitenden mit am unzufriedensten und am meisten belastet.

AK-Vizepräsident Walter Androschin: „Wer im Tourismus arbeitet, muss motiviert sein – und ist es am Anfang meist auch. Hauptmotive für die Tourismusarbeit sind, vor allem für jüngere Leute, der Spaß an der Arbeit (61 Prozent) und die Freude im Umgang mit Menschen (51 Prozent). Doch was dann meist kommt, ist ein Alltag mit extrem belastenden Arbeitsbedingungen, denkt man nur an die meist geforderte ständige Verfügbarkeit! Es ist klar, dass der Tourismus seit Jahren mit einem Nachwuchsproblem zu kämpfen hat.“

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Schwarze Schafe im Visier!

Eine Trendwende zum Positiven erhofft sich Androschin vom seit Mai geltenden „Lohn- und Sozialdumping-Bekämpfungsgesetz: „Es muss aber auch umgesetzt werden! Was Arbeiterkammer und Gewerkschaft dafür tun können, werden wir tun. Wir haben die ‚schwarzen Schafe’ im Auge – also jene Betriebe, in denen der Verdacht nahe liegt, dass die Rechte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer systematisch nicht eingehalten werden. In Zukunft wird es daher über die arbeitsrechtliche Vertretung der Beschäftigten hinaus entsprechende Anzeigen geben, damit die Arbeitgeber auch mit Strafen rechnen müssen!“

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Stimmungsbarometer "Arbeitsklima-Index"

Der Arbeitsklima-Index ist ein Stimmungsbarometer, mit dem man das aktuelle Arbeitsklima und das Wohlbefinden der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer messen und Trends in der Arbeitswelt erkennen kann. In Zusammenarbeit mit Gewerkschaft, Fachhochschule Salzburg und dem Meinungsforschungsinstitut IFES erhebt ihn die Arbeiterkammer in Salzburg regelmäßig seit 2004. Neben dem Allgemeinen Arbeitsklima-Index werden zusätzlich auch immer einzelne Branchen beleuchtet, wie nun – in Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft vida – der Tourismus. „Insgesamt wurden dafür 30.514 Salzburger Tourismusbeschäftigte von Februar bis Ende März diesen Jahres mit einem schriftlichen Fragebogen anonym befragt. 2.710 gültig ausgefüllte Fragebögen erbringen einen beachtlichen Rücklauf von 9,4 Prozent“, erklärt Studienautorin Ines Grössenberger vom Zentrum für Zukunftsstudien (ZfZ) an der Salzburger Fachhochschule Urstein.

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Arbeiten im Tourismus ist hartes Brot

Der Tourismus ist mit seinen durchschnittlich 21.000 Beschäftigten einer der wichtigsten Wirtschaftszweige für das Bundesland Salzburg. Als Arbeitgeber hat die Branche allerdings einen umstrittenen Ruf, was sich auch im Beratungsalltag der Salzburger Arbeiterkammer niederschlägt: „Die Tourismusbranche ist in der Rechtsabteilung Spitzenreiter, gefolgt vom Handel sowie der Baubranche und dem Transportgewerbe, die sich den dritten Platz teilen. Insgesamt haben wir 2010 für Tourismusbeschäftigte über 514.550 Euro gerichtlich und außergerichtlich erstritten,“ schildert Abteilungsleiter Heimo Typplt. Inhaltlich gehe es vor allem um Arbeitzeiten und Überstunden. Typplt: „Die gesetzlich geregelten Ruhezeiten werden einfach negiert, Überstunden als selbstverständlich angesehen und oft ebenso selbstverständlich nicht bezahlt!“.

AK-Vizepräsident Walter Androschin: „Vor diesem Hintergrund war uns die Tourismus-Erhebung ein ganz besonderes Anliegen. Und die Befragung hat die negativen Erwartungen auch mehr als bestätigt: Hohe Belastungen, geringer Verdienst, schlechte Karrierekarten und kaum Freizeit- oder Familienleben – das ist, kurz gesagt, die Arbeitsrealität im Tourismus.“

Eine Ursache dafür liegt in der Struktur der Tourismusbranche: Sie ist gekennzeichnet von einem überdurchschnittlich hohen Frauenanteil und Anteil von Beschäftigten mit Migrationshintergrund sowie der überwiegenden Einstufung als Arbeiterin beziehungsweise Arbeiter. Ines Grössenberger: „All das wirkt sich nachteilig auf Rechte, Lohnniveau und Arbeitsbedingungen aus. Folgerichtig liegt der Arbeitsklima-Index Tourismus mit 99 Indexpunkten weit unter dem Wert aller Salzburger Beschäftigten, die 2010 insgesamt 114 allgemeine Index-Punkteerreichten.“

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Alles für den Gast? Tourismus-Ergebnisse im Überblick

Die Beschäftigung im Tourismus ist geprägt durch eine hohe Instabilität mit hoher Fluktuation, saisonalen Schwankungen und einem hohen Arbeitslosigkeitsrisiko. Zudem sind Tourismusbeschäftigte besonderen Belastungen und hohem Zeitdruck ausgesetzt, die flexiblen Arbeitszeitformen machen es zusätzlich schwer, Beruf und Familie zu vereinbaren.

Allgemein

  • Große Unterschiede zwischen Arbeitern (97 Index-Punkte) und Angestellten (103) und zwischen Menschen mit Migrationshintergrund (96) und mit österreichischer Staatsbürgerschaft (101).
  • Am zufriedensten sind Beschäftigte aus Verwaltung/Büro (108 Index-Punkte), am unzufriedensten aus Küche (97) und Etagenbereich (92).
  • Weit unterdurchschnittlich ist die allgemeine Berufszufriedenheit der Tourismusbeschäftigten im Vergleich zu bereits erhobenen Branchen. Schlechtere Werte erreichten bisher nur Leiharbeits-Beschäftigte.
  • Hinsichtlich ihrer Rechte gegenüber ihren Arbeitgebern und ihrer sozialen Position in der Gesellschaft herrscht bei den Beschäftigten im Tourismus wenig Zufriedenheit. Der Anteil an wenig bis gar nicht Zufriedenen ist unter ihnen mehr als doppelt so hoch als beim Durchschnitt der Salzburger Beschäftigten.
  • Keinen schriftlichen Arbeitsvertrag bzw. Dienstzettel zu Beginn des Arbeitsverhältnisses zu bekommen, geben 49 Prozent der Befragten an, das ist jeder, jede zweite Tourismusbeschäftigte.
  • Was die physische Belastung am Arbeitsplatz betrifft, so fühlten sich laut Arbeitsklima-Index bisher nur die Beschäftigen aus der Baubranche sowie dem Leiharbeitsgewerbe stärker belastet.

Arbeitszeit - Einkommen

  • 61 Prozent der Tourismusbeschäftigten in Salzburg arbeiten mehr als sie vertraglich vereinbart hatten – durchschnittlich 9 Stunden pro Woche.
  • Häufig Überstunden leisten 35 Prozent, 48 Prozent gelegentlich.
  • Ständige Verfügbarkeit wird von jeder, jedem fünften Beschäftigten (19 Prozent) verlangt.
  • Den Dienstplan bekommt ein Viertel erst zwei Tage vorher, was sich negativ auf die Work-Life-Balance und die Planbarkeit der Freizeit auswirkt, wie die Befragten angaben.
  • Das Einkommensniveau der Tourismusbeschäftigten liegt um durchschnittlich 300 Euro unter dem der Salzburger Beschäftigten insgesamt, obwohl sie überdurchschnittlich viele Überstunden leisten.
  • Personen mit Migrationshintergrund verdienen im Schnitt rund 120 Euro weniger als Beschäftigte mit österreichischer Staatsbürgerschaft.
  • Das höchste Nettoeinkommen haben mit Abstand die Beschäftigten in Verwaltung und Büro, gefolgt von Küche und Service. Am wenigsten wird im Arbeitsbereich Etage verdient.
  • Unter dem Durchschnitt liegen Einkommenszufriedenheit und Bedürfnisdeckung der Tourismusbeschäftigten im Salzburg- und Branchenvergleich.
  • Nur 12 Prozent der Beschäftigten geben an, sehr gut von ihren Einkommen leben zu können, für 23 Prozent reicht es vollkommen aus. Für ganze 54 Prozent reicht das Einkommen gerade und für jede, jeden Zehnten (11 Prozent) reicht es nicht zum Leben aus.
  • Um die Altersversorgung sorgt sich gut jede, jeder dritte Beschäftigte im Tourismus und fürchtet, dass sie nicht zum Leben ausreichen wird

Arbeitszufriedenheit

  • Weiterbildungs-, Aufstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten sind die Schlusslichter im Zufriedenheitsranking – die Werte liegen deutlich unter dem Salzburgschnitt. Mit ihren Karrieremöglichkeiten am unzufriedensten sind – im Gegensatz zu bisherigen Branchenerhebungen – Tourismusbeschäftigte mit höherem formalen Bildungsabschluss (ab Maturaniveau). Bedenklich: Jede, jeder zweite Tourismusbeschäftigte gibt an, innerhalb der letzten fünf Jahre keine Weiterbildung besucht zu haben!
  • Hinsichtlich der Mitbestimmungsmöglichkeiten im Unternehmen und dem Führungsstil durch die Vorgesetzten bewegt sich die Zufriedenheit ebenfalls im unteren Bereich des Rankings.
  • Den vollständigen Berufswechsel strebt jede, jeder dritte Tourismusbeschäftigte an! Im Vergleich: Bei den Salzburgern allgemein sind es nur sechs Prozent. 28 Prozent möchten den Betrieb wechseln (Salzburg allgemein: 13 Prozent). Rückblickend würde jede, jeder fünfte Beschäftigte eher nicht bzw. auf gar keinen Fall mehr im selben Betrieb arbeiten (Salzburg allgemein: nur halb so viele). 27 Prozent würden nicht nochmals in der Tourismusbranche Fuß fassen wollen.
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Was muss sich ändern? Was ist zu tun?

Thomas Berger, Salzburger Landessekretär der Gewerkschaft vida betont: „Es gibt sehr viel zu tun, damit sich die Lage für die Beschäftigung im Tourismus endlich zum Besseren wendet. Ansetzen muss man vor allem auch an der Arbeitslosigkeit bzw. den Beschäftigungszeiten. Denn die sind zu kurz und einer der Gründe für den schlechten Verdienst im Tourismus. Derzeit beträgt die durchschnittliche, jährliche Beschäftigungsdauer laut Hauptverband österreichweit rund 7 Monate. Wir fordern längere Beschäftigungszeiten beziehungsweise die Ganzjahres-Beschäftigung!“

Darüber hinaus fordern AK und Gewerkschaft:

  • Mehr Nachhaltigkeit in der Ausbildung
  • Verbesserung der Arbeits- und Einkommensbedingungen:
  • Höhere Löhne
  • Längerfristige Dienstpläne, damit Familien- und Freizeitaktivitäten besser planbar sind
  • Dienstzettel für alle Beschäftigten vor Antritt des Dienstverhältnisses - Abschaffung der „All in Verträge“
  • Umsetzung des Lohn- und Sozialdumping-Bekämpfungsgesetzes

Rechte einfordern!

Der Gewerkschafter appelliert aber auch an die Eigenverantwortung der Beschäftigten. Thomas Berger: „Es ist wichtig, dass die Menschen ihre Rechte auch persönlich einfordern und zum Beispiel vom Arbeitgeber den ihnen gesetzlich zustehenden Dienstzettel verlangen. Unbedingt sollten auch die Arbeitszeiten beziehungsweise Ruhezeiten selber aufgezeichnet werden. Zum Beispiel in einem Arbeitszeitkalender, den wir kostenlos anbieten.
Einfach anfordern: Tel. 0662-871228; E-Mail: salzburg@vida.at

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