Arbeitsklima-Index : Stress und Verkaufsdruck in Banken und Versicherungen
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Die Stimmung der Beschäftigten bei Banken und Versicherungen ist deutlich schlechter als allgemein angenommen. Das ergibt der jüngste branchenbezogene Arbeitsklima-Index der AK Salzburg. „Ein Hauptgrund dafür sind einschneidende Veränderungen“, sagt AK-Präsident Siegfried Pichler, „wie Konzentrationen, Umstrukturierungen und Sparmaßnahmen“.
Ergebnisse bei Banken
Banken: Verkäufer, und keine Berater mehr
„Wo der Schuh drückt, zeigen vielfach die Kommentare zusätzlich zu den standardisierten Fragen“, erläutert Arbeitsklima-Expertin Hilla Lindhuber. “Eine häufige Klage ist, dass Banken zu Vertriebsmaschinen werden und Berater zu Keilern.“ Dazu kommen unrealistische Zielvorgaben, die zu einem immensen Verkaufsdruck führen, bürokratische Auflagen und laufende Kontrollen.
Am unzufriedensten sind Beschäftigte, die zwischen 21 und 30 Jahren im Betrieb sind, männliche Mitarbeiter ohne Kundenverantwortung sowie Teilzeitbeschäftigte, vor allem Frauen mit Kundenverantwortung.
Die Teilzeitbeschäftigten in den Banken sind mit 104 Indexpunkten deutlich unzufriedener als die gesamten Teilzeitbeschäftigten mit 125 Indexpunkten. Die Zufriedenheit von weiblichen Teilzeitbeschäftigten mit Kundenverantwortung ist mit 99 Punkten sogar besonders niedrig. „Obwohl Banken ein eher modernes Image haben, sind die Nachteile bei Aufstieg und Einkommen offensichtlich stärker als beim Durchschnitt der Teilzeitbeschäftigten“, meint Steidl. „Bei der Rückkehr aus der Karenz klagen viele über geringer qualifizierte Jobs.“
Die Jungen zwischen 16 und 19 Jahren sehen ihre Lage mit 113 Punkten noch optimistisch, die 50- bis 59-Jährigen sinken auf einen Wert von 97 Punkten. Einen eindeutigen Zusammenhang gibt es auch mit der Betriebsgröße: Mit 108 Punkten sind die Mitarbeiter in Betrieben bis zu 50 Beschäftigten am zufriedensten, den geringsten Wert mit 98 Punkten zeigen Betriebe zwischen 500 und 1.000 Beschäftigten.
Herbert Graffer, Vorsitzender des Wirtschaftsbereichs Sparkassen in der GPA, sieht in der hohen Unzufriedenheit der Älteren einen Handlungsbedarf: „Ein zentrales Thema für die Belegschaftsvertretungen wird das Generationenmanagement sein. Defizite in diesem Bereich sind im ersten Moment nicht so unmittelbar greifbar wie Stress. Aber dass nur 11 Prozent der Beschäftigten zufrieden damit sind, wie auf die Bedürfnisse Älterer eingegangen wird, soll ein Handlungsauftrag sein!“
Umstrukturierung bringt Stress
Die Bankenmitarbeiter sind zwar überwiegend der Meinung, dass Umstrukturierungsmaßnahmen wichtig für das Unternehmen waren, aber für 40 Prozent von ihnen haben diese eher Nachteile für ihre Arbeitssituation gebracht, eher Vorteile sehen nur 19 Prozent.
Bankbeschäftigte sind fast doppelt so stark durch psychischen Stress und Innovationsstress belastet; die Ursachen sind Zeitdruck, steigender Arbeitsumfang, Berichtswesen und Kontrolle.
Zeitdruck und Stress haben mehrere Faktoren. Jene, die sich dadurch belastet fühlen, leiden
- zu 87 Prozent unter steigendem Arbeitsumfang
- zu 71 Prozent unter Zielvorgaben
- zu 58 Prozent unter dem Berichtswesen
- zu 55 Prozent unter laufenden Kontrollen
- zu 56 Prozent unter starker Burn-Out-Gefährdung (besonders Beschäftigte mit langer Betriebszugehörigkeit, mit Kundenverantwortung, und Männer mehr als Frauen).
Knackpunkt Zielvorgaben
80 Prozent erhalten Zielvorgaben, aber nur 54 Prozent der Beschäftigten mit Kundenverantwortung halten diese für realistisch und erreichbar. „Daraus resultiert natürlich ein großer Druck“, so Pichler. „Wenn es von vornherein klar erscheint, dass das Ziel nicht erreichbar ist, dass man es nicht schafft, woher soll da die Motivation kommen? Das ist natürlich Stress pur!“
Die Zielvorgaben spiegeln sich eindeutig in den Indexpunkten wider. Sind sie transparent, erreichbar und realistisch, bringen sie bis zu 117 Punkten. Sind sie kurzfristig, sinken die Punkte auf 98, bei nicht transparent auf 81, bei nicht erreichbar auf 88 und bei unbeeinflussbar auf 90 Indexpunkte.
- Nur die Hälfte der Bankbeschäftigten ist mit den Aufstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten sehr oder eher zufrieden – im Salzburg-Schnitt sind es aber 73 Prozent.
- Während aber nur 9 Prozent der Salzburger Beschäftigten an einem Aufstieg interessiert sind, sind das 27 Prozent in den Banken. Umgekehrt wollen sich 76 Prozent der Salzburger Beschäftigten beruflich nicht verändern, aber nur 46 Prozent in den Banken möchten bleiben, wo sie sind.
- 85 Prozent der Führungskräfte sind männlich. Der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen (netto, Vollzeit) beträgt 600 Euro pro Monat.
- Die Zufriedenheit mit den Mitbestimmungsmöglichkeiten im Betrieb ist sehr unterdurchschnittlich, die Kritik an Führungsstil, (sozialer) Kompetenz und an der Kommunikation ist groß.
Ergebnisse bei Versicherungen
Versicherungen: Verkaufen, Druck und Provision
Es gibt etliche Ähnlichkeiten zwischen Banken und Versicherungen. Der Index ist in beiden Bereichen niedrig mit 103 Punkten, beide spüren die Folgen von Umstrukturierungen und wechselnden Eigentümerverhältnissen. Allerdings sind die Personaleinsparungen in den Versicherungen in der vergangenen Dekade fast zehn mal so hoch (34 Prozent) als bei den Banken (3,6 Prozent). Hier wird das Thema Generationenmanagement noch akuter: In den nächsten Jahren könnten bis zu drei Viertel der Belegschaften über 50 Jahre sein.
Vergleichbar mit jener der Bank-Beschäftigten ist auch die Stress-Belastung, kombiniert mit steigendem Arbeitsumfang, Zielvorgaben, und drohendem Burn-Out.
Dafür ist der Zusammenhang zwischen Betriebsgröße und Zufriedenheit bei den Versicherungen genau andersherum als bei den Banken: Je größer die Firma ist, desto höher die Zufriedenheit (500 bis 2000 Beschäftigte – 107 Indexpunkte, unter 100 – nur 97 Indexpunkte).
Die Veränderungen durch Umstrukturierungen haben für 43,7 Prozent eher Nachteile gebracht, eher Vorteile nur für 17 Prozent. An der Spitze der Nachteile liegt die Übernahme zusätzlicher Tätigkeiten (62 Prozent), höhere Arbeitsbelastung (58 Prozent), mehr Überwachung und Druck von oben (41 Prozent), Demotivierung und Resignation (35 Prozent). Die Vorteile: Interessantere Arbeit (21 Prozent), bessere Weiterbildungsmöglichkeiten (10 Prozent), mehr Motivation oder bessere Bezahlung (je 6 Prozent).
Geringes Fixum, ständig neue Produkte
Ein wesentlicher Stressfaktor vor allem für die Mitarbeiter im Außendienst sind ständig neue Versicherungsprodukte, die von den Zentralen auf den Markt geworfen werden. „Kaum ist ein Verkäufer auf die Produkte geschult, werden sie schon wieder vom Markt genommen und durch neue ersetzt“, beobachtet Walter Steidl. Die Befragten selber befürchten, dass eine seriöse Kundenberatung und –betreuung dabei auf der Strecke bleibt.
Die eher guten Einkommen der Mitarbeiter im Außendienst (Männer: rund 2.500 Euro netto) sind mit einem hohen Risiko erkauft, weil sie zum Großteil auf Provisionen beruhen. Die Beschäftigten befürchten, dass der ständige Verkaufsdruck bei niedrigem Fixum zulasten des Kundenstocks geht und mittelfristig negative Auswirkungen hat. „Der Gedanke an einen gebrochenen Fuß löst Existenzängste aus“, formuliert es ein Betroffener.
Innendienst, weiblich, unzufrieden....
… weil schlecht bezahlt. Das Einkommen ist der Hauptgrund für die geringe Zufriedenheit der Frauen im Innendienst. „Im Zuge des Personalabbaus der vergangenen Jahre sind überwiegend männliche Arbeitsplätze gestrichen worden“, sagt Pichler. „Jetzt wird von den Frauen im Innendienst mit weniger Personal mehr Arbeit geleistet, und das bei einem eklatanten Einkommensnachteil der Frauen!“ Tatsächlich verdienen sie bei gleicher Arbeitszeit und gleicher, wenn nicht sogar höherer Ausbildung, um rund ein Viertel weniger als ein Männer (1.341 Euro netto gegenüber 1.772 Euro netto der Männer). Noch krasser ist das Mann-Frau-Gefälle bei allen Versicherungsbeschäftigten: Die Männer verdienen 2.246 Euro netto, die Frauen 1.387 Euro (auf Vollzeitbasis!), das sind rund 40 Prozent weniger!
Ambitioniert
Die Beschäftigten bei den Versicherungen sind ambitionierter als der Salzburg Schnitt. Fast ein Drittel strebt eine höhere berufliche Position an, nur knapp die Hälfte will sich beruflich nicht verändern, während es im Salzburg-Schnitt drei Viertel sind. Auch der Ruf nach Weiterbildung ist groß – ein Drittel der Führungskräfte und die Hälfte des Innendienstes sieht Bedarf; die Hälfte wünscht sich Unterstützung etwa in Form von Coaching.
Defizite werden auch bei Führung und Mitbestimmung sowie beim Informationsmanagement gesehen. Dieses ist gerade im Innendienst ein wesentliches Problem – rund 40 Prozent vergeben die Note genügend oder nicht genügend. „Die ständige Produktinnovation setzt den Außendienst unter Druck, der Innendienst fühlt sich vom Informationsfluss aber offensichtlich abgekoppelt“, meint Pichler.
Daten und Fakten
Mit dem Instrument Arbeitsklima-Index misst die AK Salzburg regelmäßig die Stimmung unter allen Beschäftigten sowie von einzelnen Branchen und Berufsgruppen. Der Gesamt-Index liegt derzeit bei 120 Punkten. Deutlich darunter liegt jener von Banken und Versicherungen mit jeweils 103 Punkten, aber dennoch über den Indizes, die in anderen Branchen erhoben wurden (Post-Telekom mit 83Punkten, Gesundheitsberufe mit 91 Punkten, Leiharbeiter mit 84 Punkten). „Banken und Versicherungen sind zunehmend zu Kauf- und Verkaufsobjekten von Investorengruppen geworden“, analysiert AK-Präsident Siegfried Pichler. „Die ständigen Änderungen der Eigentümerverhältnisse führen zu vielfältigen organisatorischen Maßnahmen, zum Stellenabbau, zu Konzentrationen und Verlagerungen, was sich auch auf die Arbeitsplatzqualität der Beschäftigten durchschlägt in Form von Stress, Verkaufsdruck, Resignation und Demotivation.“
Die betrieblichen Veränderungen werden von den Beschäftigten zwar durchwegs als notwendig für die Konkurrenzfähigkeit erachtet, aber fast die Hälfte gibt an, dadurch Nachteile zu haben. „Geklagt wird vor allem über zusätzliche Aufgaben und somit höhere Arbeitsbelastung, mehr Druck und verstärkte Überwachung“, sagt Walter Steidl, Regionalgeschäftsführer der Privatangestellten-Gewerkschaft (GPA-DJP).
Diese Unzufriedenheit schlägt sich in einer Zahl markant nieder: Während 85 Prozent im Salzburg-Schnitt sich wieder für eine Tätigkeit im selben Betrieb entscheiden würden, sind es in den Banken nur 54,5 Prozent und in den Versicherungen 66 Prozent.
Eckdaten der Befragung
Seit 2003 beobachtet die AK Salzburg (in Zusammenarbeit mit IFES) mit dem Arbeitsklima-Index die Arbeitsbedingungen und das Wohlbefinden der Salzburger Beschäftigten. Neben dem Gesamt-Index für die Salzburger Beschäftigten werden auch einzelne Berufsgruppen abgefragt, um das tätigkeitsbezogene Befinden zu erfahren und um den Interessenvertretungen und Betriebsräten Datenmaterial zu liefern, wo es Probleme beziehungsweise Handlungsbedarf gibt.
Die vorliegende Befragung erfolgte mittels Fragebogen (insgesamt rund 7.200). Der Rücklauf war überwältigend: 25 Prozent der Bankmitarbeiter beteiligten sich an der Befragung; bei den Versicherungen waren es sogar 36 Prozent.
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