Arbeiten am Limit der Belastbarkeit: Dringender Handlungsbedarf!
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3.189 Salzburger Beschäftigte aus dem Gesundheits- und Pflegeberufen haben sich an der Befragung zum Arbeitsklima-Index 2006 von AK und ÖGB beteiligt. Heraus kam das bisher schlechteste Index-Ergebnis: mit 91 Index-Punkten liegen die Gesundheits- und Pflegeberufe deutlich unter dem Salzburger Schnitt von 113. Die Antworten bestätigen den Eindruck, den selbst Außenstehende durchaus immer wieder gewinnen: Das ist Arbeiten am Limit – dringender Handlungsbedarf ist gegeben!
- Was ist der Arbeitsklima-Index?
- Zusammenfassung der Studien-Ergebnisse
- Was fordern die Beschäftigten?
- Resumee
Was ist der Arbeitsklima-Index?
Der Index ist eine Maßzahl für die Arbeitszufriedenheit der Salzburger ArbeitnehmerInnen. Er erfasst die Auswirkungen ökonomischer Veränderungen auf das subjektive Erleben und Empfinden der ArbeitnehmerInnen. Bereits seit 1997 erhebt IFES diesen Index für die AK Oberösterreich, Salzburg hat sich seit 2004 angeschlossen. Denn so kann die AK Salzburg als Interessenvertretung auf negative Entwicklungen schneller und effizienter reagieren.
Wurde 2005 noch die Gesamtsituation der Salzburger ArbeitnehmerInnen eruiert, so wurde 2006 der Fokus auf die Gesundheits- und Pflegeberufe in Salzburg gerichtet (also Kranken-hauspersonal, AltenpflegerInnen, Sanitätsdienst etc.) Dazu wurden 10.347 Fragebögen verschickt, Rücklaufquote 30,8%.
„Die Antworten und unsere Schlussfolgerungen im diesmal auf die Gesundheitsberufe spezialisierten Arbeitsklima-Index bieten eine gute Basis, um für die Beschäftigten dieser Sparten Verbesserungen ihrer Arbeitsbedingungen zu erreichen“, sagt die Autorin der Studie, Renate Böhm. Jetzt sind Arbeitgeber und die Politik am Zug, fordert die AK-Expertin.
Was meinen die Beschäftigten der Gesundheitsberufe zum Thema
1. Einkommen - was ist die Arbeit wert?
„Viel Verantwortung – wenig Lohn!“ ist die häufigste Kritik der Befragten:
- 32% fühlen sich nicht fair und gerecht entlohnt.
- 28% verdienen maximal € 1.000,-, 41% maximal € 1.500,- im Monat. Dreiviertel der Frauen verdienen weniger als € 1.500,-.
- Zulagen und Überstunden und damit verbundene hohe Belastungen sind notwendig. Trotzdem kommt nur jede/r Zweite mit dem Einkommen gerade über die Runden. 6% können nicht von ihrem Einkommen leben!
- Ein Viertel der Befragten fühlt sich nicht seinem Lohnniveau entsprechend eingesetzt.
2. Belastung - wieviel Druck darf zum Job gehören?
Zuviel zeitlicher, seelischer und körperlicher Druck: die Befragten fühlen sich am Ende des Tages ausgebrannt und zu müde für Familie und Freizeit. Sehr stark oder stark belastet sind:
- 50% durch Zeitdruck, die Hälfte davon zusätzlich durch Burn-out.
- 51% durch seelischen Druck.
- 28% durch Nachtarbeit, davon 60% zusätzlich durch Burn-out.
- Ab 25 Jahren steigt durch die Hebetätigkeit die Unfall- und Verletzungsgefahr.
- 21% leiden unter dem Druck organisatorischer Reformen, administrativer Mehrarbeit und zu wenig Zeit für die Pflege.
- 23% halten sich für Burn-out gefährdet, 43% glauben, dass die KollegInnen davon betroffen sind.
- 10% fühlen sich selbst sehr stark oder stark von Mobbing betroffen, aber 26% beobachten Mobbing im Kollegenkreis.
3. Arbeitszeit – 6 Stunden mehr als vereinbart!
Die dünne Personaldecke macht die Arbeitszeit für ÄrztInnen und Pflegeberufe zum Problem.
- 60% der Beschäftigten sind mit ihrer Arbeitszeitregelung zufrieden.
- ÄrztInnen arbeiten durchschnittlich 15 Stunden, Krankenpflegepersonal 6 Stunden pro Woche mehr als vereinbart.
- 33% der Beschäftigten mit Arbeitszeitproblemen sehen sich selbst als Burn-out gefährdet.
- Sobald Nacht-, Wochenend- und Feiertagsdienst dazu kommen, steigen Unzufriedenheit und Burn-out-Risiko.
- 10% der Teilzeitbeschäftigten arbeiten de facto Vollzeit und fühlen sich dadurch massiv benachteiligt.
4. Betriebliches Klima – Mitbestimmung, Wertschätzung, Anerkennung wären kostenlos!
Die Freude am Beruf ist ungebrochen, das gute Klima unter den KollegInnen auch, nicht aber die Beziehung zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern, zwischen rechtlicher Lage und Arbeitsrealität, Entwicklungswünschen und Chancen. Unzufrieden sind:
- 46% mit ihren Mitbestimmungsmöglichkeiten im Unternehmen,
- 25% mit der Möglichkeit, über Arbeitsabläufe selbst zu entscheiden,
- 36% mit dem Führungsstil der Vorgesetzten,
- 35% mit den Aufstiegs- und Entwicklugsmöglichkeiten,
- 23% mit den Weiterbildungsmöglichkeiten.
- 10% werden nicht entsprechend ihrer Ausbildung eingesetzt.
- 47% befürchten massiv, dass betriebliche Sparmaßnahmen das Klima verschlechtern.
- 43% beurteilen die wirtschaftliche Zukunft ihres Betriebes eher pessimistisch oder sehr pessimistisch.
Was fordern die Beschäftigten?
Die Vorsitzende der Fachgruppe „Gesundheit im ÖGB“, DGKS Claudia Hollaus kennt die Realität hautnah und betont: „So kann und darf es nicht weitergehen! Gerade bei den Arbeitnehmern im Gesundheitsbereich stehen doch die Liebe zum Beruf, das persönliche Engagement und der Wille, auch das Letzte zu geben im Vordergrund. Aber selbst diesen Menschen geht einmal die Luft aus!“
Die wichtigsten Forderungen der Befragten zum Thema:
- Einkommen:
Grundsätzliche Neubewertung der Arbeit, Grundgehalt von dem man leben kann, Gleichstellung Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigte, wenn Überstunden die Regel sind etc.
- Belastung:
Personalaufstockung, Burn-out-Prävention, Supervision kostenlos und in der Arbeitszeit, Mobbing-Prävention, alternsgerechtes Arbeiten in der Pflege etc.
- Arbeitszeit:
Umsetzung und Kontrolle des Arbeitszeitgesetzes, realistische Personalplanung, sofortige Nachbesetzungen, Arbeitszeitreduzierung in der Pflege, familienfreundliche Arbeitszeitmodelle etc.
- Klima: Mehr Wertschätzung und Anerkennung der geleisteten Arbeit durch Öffentlichkeit, Politik und unmittelbare Vorgesetzte, weniger Führungs- und Verwaltungsapparate, Mitentscheidung des Pflegebereichs bei Reformprozessen und Umstrukturierungen, gleicher Zugang zu Weiterbildung, insbesondere für Teilzeitbeschäftigte etc.
Das Projekt Arbeitsklima-Index für Gesundheitsberufe ist mit dieser Erhebung nicht am Ende, sondern erst der Beginn für eine neue Etappe des Engagements der Fachgruppe Gesundheitsberufe im ÖGB. In dieser Fachgruppe finden sich die VertreterInnen aller zuständigen Fachgewerkschaften für Gesundheitsberufe und BetriebsrätInnen aus vielen Gesundheitsbetrieben. Mit dem Arbeitsklima-Index ist eine Arbeitsgrundlage geschaffen worden, die künftig die Arbeitsfelder der Interessenvertretungen absteckt und eine Fülle von Handlungsfeldern eröffnet.
zum SeitenanfangResumee
Die Arbeitszeit, das Einkommen und der immer stärker werdende Arbeitsdruck bereiten den Beschäftigten ganz besonderes Kopfzerbrechen. Immerhin sieht sich jeder vierte Befragte als Burn-out gefährdet. Für AK-Präsident Siegfried Pichler bestätigen die handfesten Ergebnisse, das dringender Handlungsbedarf gegeben ist. „Die Mitarbeiter im Gesundheits- und Pflegewesen arbeiten am Limit.“ Als erste Maßnahme fordert der AK-Präsident eine vernünftige und gerechte Gehaltsreform.
Dass es in den Gesundheitsberufen rumort, darf nicht wundern - sie sind eine Berufsgruppe, die sich im Großen und Ganzen mit ihrem Beruf stark identifiziert und eine hohe Bereitschaft zur Belastung und zur Leistung hat. Gleichzeitig aber fallen in kaum einem anderen Beruf derart hohe Arbeitszeit-Belastungen, hohe Verantwortung für Leib und Leben in Verbindung mit psychischen und physischen Dauerbelastung und eine enorme Kundenerwartung zusammen, wie hier. AK-Präsident Pichler: „Allein diese Grundbedingungen eines Berufes verlangen den Beschäftigten schon alles ab. Zudem ändern sich ja gerade im Gesundheitswesen derzeit massiv die Arbeitsbedingungen. Steigende Anforderungen in den Arbeitsinhalten, Personaleinsparungen und sonstige Sparmaßnahmen im Betrieb, Veränderungen in der Struktur des Gesundheitswesens – all das kann nicht nur zu Lasten der Beschäftigten gehen. Hier müssen Lösungen gefunden werden und dies rasch!“
„Die Befragung“, so Pichler, „gibt aber auch Anlass zur Hoffnung, denn die überwältigende Beteiligung beweist das Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieser Berufssparten. Sie sind bereit, aktiv an einer Verbesserung mitzuwirken. Wir wollen sie dabei nach Kräften unterstützen!“
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