Leiharbeiter fühlen sich als Menschen zweiter Klasse

Leiharbeit boomt wie nie zuvor. Doch der Pessimismus unter Leiharbeitern ist so groß wie bei keiner anderen Gruppe der unselbständig Beschäftigten. Das ist Ergebnis des aktuellen Arbeitsklima-Index, der von der AK erhoben wurde. Die Sorgen der Leiharbeiter sind groß: Unsicherheit, wenig Lohn, Existenzängste, Stress und ständig in der Außenseiterrolle. „Überlassene Arbeitskräfte sollten in jeder Hinsicht so behandelt werden wie ihre ständig im Betrieb beschäftigten Kollegen - sozial- und arbeitsrechtlich abgesichert“, betont AK-Präsident Siegfried Pichler. AK und ÖGB starten gemeinsam eine Informationskampagne.

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Überlassene Arbeitskräfte: Leih-, Zeit- oder Leasingarbeiter

In den vergangenen elf Jahren hat sich die Zahl der überlassenen Arbeitskräfte, das sind Leih-, Zeit- oder sogenannte Leasingarbeiter, in Salzburg verzehnfacht - von 282 Leiharbeitern im Jahr 1996 auf knapp 2.900 im Jahr 2007. Allein innerhalb der letzten beiden Jahre kam es zu einem Anstieg von 52%. „Der Trend zur Flexibilisierung der Arbeit wird auch durch den Zuwachs der Leiharbeiter bestätigt“, so AK-Präsident Siegfried Pichler. „Leiharbeiter sind zu vergleichen mit Ersatzbankspielern“, so Pichler, „brennt es, werden sie eingesetzt. Werden sie nicht mehr gebraucht, geht es zurück auf die Ersatzbank. Da Leiharbeitsverhältnisse nicht wirklich auf Dauer angelegt sind, darf sich das aber keinesfalls auf die soziale Absicherung der Arbeitnehmer auswirken.“

Leiharbeit, als Überbrückung oder Wiedereinstiegshilfe ist von Arbeitnehmerseite zu befürworten, aber keinesfalls, wenn damit Sozial- und Lohndumping einher gehen. „Vor allem die Überlasserfirmen sind angehalten, für das Einhalten der Kollektivverträge zu sorgen,“ betont Pichler.

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Kollektivverträge werden oft nicht eingehalten

Dass Leiharbeit nach wie vor zu Lohn- und Sozialdumping missbraucht wird, unterstreicht auch Peter Eder, Sekretär der Gewerkschaft Metall-Textil-Nahrung. „Der Kollektivvertrag, den die Gewerkschaft Metall-Textil-Nahrung (GMTN) für das Arbeitskräfteüberlassungs-Gewerbe durchgesetzt hat, ist europaweit ein Meilenstein, dennoch werden nach wie vor viele Leiharbeiter von den Überlasserfirmen über den Tisch gezogen.“ Und mit Zuwachs der Leiharbeitsfirmen – im Jahr 2000 waren es in Salzburg noch 54 (Quelle: BMWA), heuer sind es bereits 97 (Stichtag 31.Juli 07) - erhöhten sich leider auch die arbeitsrechtlichen Probleme: Die Einhaltung der Kollektivvertragsregelungen wird oft durch Druck auf die Beschäftigten umgangen.

Und: Den Betriebsräten in den Beschäftigerfirmen sind die Hände gebunden. „Sie können zwar den Betroffenen mit Informationen helfen und aufklären, haben aber keine Möglichkeit, bei der Überlasserfirma die Rechte einzufordern“, so Eder.

Eine weitere Problematik ist die Vielzahl der Überlasser in einem Beschäftigerbetrieb. „Durch die Unterschiedlichkeit und Vielfalt der Beschäftigten in einem Betrieb und noch dazu, wenn sie von mehreren Leiharbeitsfirmen kommen, ist es nicht leicht ein gutes Verhältnis zwischen den überlassenen Arbeitskräften und den fix Beschäftigten herzustellen“, betont Eder.

Daher starten nun AK und ÖGB gemeinsam eine Aufklärungskampagne in den Betrieben. Die Betriebsräte werden zu den wesentlichsten Bestimmungen zur Leiharbeit informiert und wie sie sich für die Leiharbeiter einsetzen können. „Im kommenden Jahr werden sich AK und ÖGB mit jenen Betriebsräten, die in ihrem Betrieb eine hohe Anzahl von Leiharbeitnehmern aufweisen, an einen Tisch setzen und Maßnahmen ins Auge fassen“, so Pichler.

Auf Grund der erschreckenden Ergebnisse des Arbeitsklima-Index Leiharbeit ist bereits ein Erste-Hilfe Folder an alle Leiharbeiter, die in Salzburg beschäftigt sind, per Post unterwegs. Neben den wichtigsten Ergebnissen der Befragung finden sich dort erste Grundinfos über die Rechte als Leiharbeiter und wichtige Kontaktadressen.

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Ergebnisse Arbeitsklima-Index Leiharbeit

Leiharbeiter sind von den Arbeitsbedingungen her stärker belastet, fühlen sich oft am Rande der Gesellschaft und haben wenig Hoffnung, dass sich ihre Arbeitssituation in Zukunft verbessert. Das sind die aktuellen Ergebnisse des Arbeitsklima-Index, den die AK Salzburg gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut IFES durchgeführt hat. Es handelt sich dabei um eine repräsentative Befragung aller in Salzburg beschäftigten Leiharbeiter. 2.248 Leiharbeiter wurden mit schriftlichen Fragebögen anonym befragt. Der Rücklauf betrug 20%.

Einer der schlechtesten Werte

Mit 84 Indexpunkten liegt der Wert des Arbeitsklima-Index der unselbständig Beschäftigten im Bereich Leiharbeit deutlich unter dem allgemeinen Salzburger Arbeitsklima-Index von 115 Punkten und ist somit einer der schlechtesten Werte. Ganz schlechte Noten geben die Leiharbeiter ihrem Überlasserbetrieb. Die Zufriedenheit mit dem Beschäftigerbetrieb ist nur um einen Bruchteil besser. Akademiker, die als Leiharbeiter beschäftigt sind, vergeben die schlechtesten Noten, die je bei einem Arbeitsklima-Index in Salzburg vergeben wurden: 77 Indexpunkte. Die Hauptgründe sieht AK-Grundlagenexpertin Hilla Lindhuber darin, dass viele trotz universitärer Ausbildung keinen adäquaten Arbeitsplatz finden und dass die Ausbildung teilweise nicht anerkannt wird, da es sich bei einer Vielzahl der Leiharbeiter um Migrantinnen und Migranten handelt.

Hauptmotiv für Leiharbeit: Mangel an Angebot

Das Hauptmotiv für Leiharbeit ist der Mangel an anderen Angeboten, das geht aus dem Arbeitsklima-Index hervor. Über die Hälfte der Befragten gibt an, Zeitarbeit zu verrichten, weil sie kein anderes Arbeitsangebot findet. Vor allem Pflichtschulabgänger und Universitätsabgänger, das heißt sehr gut und sehr schlecht ausgebildete, sind davon betroffen. Ein weiterer Grund, Leiharbeit zu verrichten, ist vorhergegangene Arbeitslosigkeit. „39% der Leiharbeiter waren im vergangenen Jahr mindestens einmal arbeitslos“, so Lindhuber. Dabei betrug die durchschnittliche Arbeitslosigkeit 3,5 Monate. Auffallend dabei: Frauen waren länger arbeitslos (3,9 Monate) als Männer (3,4 Monate).

Große Unsicherheit

Zitat eines Befragten: Leiharbeit ist eine Arbeit, wo man nie sicher sein kann, ob man morgen noch einen Arbeitsplatz hat.

Über der Hälfte der Leiharbeiter (53,3%), die im vergangenen Jahr arbeitslos waren, halten den eigenen Arbeitsplatz für unsicher. Im Vergleich dazu halten nur 13,5% der Salzburger Arbeitnehmer, die in den vergangenen 12 Monaten von Arbeitslosigkeit betroffen waren, diesen für unsicher. Ein ähnliches Bild zeigt sich, wenn Leiharbeiter in die Zukunft blicken: Knapp 70% der Leiharbeiter glauben, wenn sie nun ihren Job verlieren würden, es eher oder sehr schwer wäre, wieder einen Arbeitsplatz zu finden. Uni-Absolventen und Pflichtschulabsolventen sind hier besonders pessimistisch.

Kurze Beschäftigungsdauer

Der Einsatz in den einzelnen Beschäftigerbetrieben und in den Überlasserbetrieben ist im Allgemeinen eher kurzfristig angelegt. Die Hälfte der Leiharbeiter ist weniger als 21 Monate bei einem Arbeitskräfteüberlasser beschäftigt. Die durchschnittliche Beschäftigungsdauer der Frauen beim Beschäftigerbetrieb liegt bei 26,1 Monaten, jene der Männer bei 18,6 Monaten. Auffallend ist, dass ein Fünftel der Männer länger als 5 Jahre bereits Leiharbeitnehmer ist.

Unregelmäßige Arbeitszeiten belasten

Zitat eines Befragten: Die Arbeitszeiten der Firma XY sind unmenschlich. 80% der Mitarbeiter leiden an burn out.
2/3 der Leiharbeiter sind Vollzeit beschäftigt, 1/3 arbeitet Teilzeit. Allerdings liegt der Anteil der männlichen teilzeitbeschäftigten Leiharbeiter mit einem Anteil von 28% deutlich höher als der Durchschnitt bei allen Salzburger Beschäftigten: Dort sind es 7%. Die kollektivvertraglich geregelte Normalarbeitszeit für Leiharbeiter beträgt 38,5 Stunden pro Woche. 60% der vollzeitbeschäftigten Leiharbeiter leisten Überstunden. und sogar 82% der teilzeitbeschäftigten Leiharbeiter. Leiharbeiter sind in wesentlich höherem Ausmaß mit belastenderen Arbeitszeiten konfrontiert. Schichtarbeit, Arbeit auf Abruf und unregelmäßige Arbeitszeiten sind um ein Vielfaches häufiger. Insgesamt gaben diese Arbeitszeitformen 56,2% der Befragten an - beim Durchschnitt aller Salzburger Beschäftigten liegt dieser Anteil bei 35%. „Diese unregelmäßigen Arbeitszeiten schlagen sich auf die Zufriedenheit nieder“, so Lindhuber, „beinahe jeder achte Leiharbeiter ist mit seiner Arbeitszeit nicht oder gar nicht zufrieden. Daher liegt auch der Anteil jener, der Beruf und Familie nicht gut vereinbaren kann, mit 17,5% deutlich höher als bei allen Salzburger Arbeitnehmern. Dort sind es insgesamt 10%.

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Arbeitsunzufriedenheit: Kaum Aufstiegschancen

Zitat eines Befragten: Auf Dauer stumpft man bei den gebotenen Jobs ab, hat keinerlei Aussichten (Weiterbildung, Aufstiegschancen etc. ) und schlechtere Chancen am Arbeitsmarkt, wenn man angeben muss, dass man über einem längeren Zeitraum bei einer Leiharbeitsfirma tätig war.
Weiterbildungsmöglichkeiten, Aufstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten, Mitbestimmungsmöglichkeiten und das Einkommen stehen auf der Zufriedenheitsskala ganz unten. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten ist mit den Weiterbildungsmöglichkeiten in der Leihfirma nicht zufrieden, aber auch 46,5% mit der Aus- und Fortbildung in der Beschäftigerfirma. Und 40% der Leiharbeiter sehen keine Mitbestimmungsmöglichkeiten im Betrieb. „Diese Werte sind alarmierend, da sie erheblich vom Salzburger Durchschnitt abweichen“, so Lindhuber.

Einkommen: 250 Euro weniger als Salzburger im Durchschnitt

Betroffene: Mit 1000 Euro kann man nicht gut leben. Es reicht nicht zum Leben. Miete 600 Euro, Essen 300 Euro.

Das Durchschnittseinkommen (teilzeitbereinigt) der befragten Leiharbeiter liegt 20% unter dem Salzburger Durchschnittseinkommen (Arbeitsklima-Index 2006) und zwar bei knapp 1.180 Euro netto. Damit liegt das Durchschnittseinkommen der Leiharbeiter um rund 250 Euro unter dem Salzburger Durchschnittseinkommen. Das schlägt sich auch auf die Zufriedenheit nieder: Nur 6% der Befragten sind sehr zufrieden. Fast die Hälfte ist wenig bis gar nicht zufrieden. „Die Ergebnisse sind erschreckend“, so Lindhuber, „für 55% reicht das Einkommen gerade noch zum Leben, für 23% reicht es nicht mehr aus und es trifft hier vor allem die Jungen.“ Jeder dritte unter 20-Jährige, der als Leiharbeiter beschäftigt ist, gibt an, von seinem Einkommen nicht leben zu können. „Diese besorgniserregende Entwicklung bestätigt auch die Analyse der Salzburger Brutto –Einkommen, die erst kürzlich von der AK präsentiert wurde. Die Jungen zählen zu den Einkommensverlierern. Im Vergleich zum Jahr 1990 haben sie real sogar 6,9% verlorenen.

Auch bei den Leiharbeitern klafft die Einkommensschere auseinander: Männliche Leiharbeiter, ob Angestellte oder Arbeiter, verdienen deutlich mehr als weibliche (+13,3%). „Obwohl Frauen auch in diesem Bereich weniger als Männer verdienen, sind diese zufriedener“, so Lindhuber, „das zeigt die Erhebung.“ Frauen wissen, dass sie bezüglich der Löhne nach wie vor diskriminiert werden und schrauben somit prinzipiell ihre Erwartungen herunter, sodass der Vergleich von Anspruch und Realität eine geringere Unzufriedenheit zur Folge hat.

Signifikant ist jedoch, dass jeder dritte Befragte sich auch über das Einkommen äußert und sich über die Lohnverrechnung sowie Gehaltsberechnung beschwert.

Wunsch nach Unterstützung und Information

Zitat eines Befragten: Leihfirmen sollten verständliche Informationen über die Rechte und Pflichten und die Art dieser Arbeit bereit stellen.

Leiharbeiter fühlen sich als moderne Sklaven oder Sachen, die beliebig hin- und hergeschoben werden und leiden vielfach unter ungleicher Behandlung zum Stammpersonal. Sie dürften auch nicht krank werden, denn dann würden sie gekündigt. „Das geht aus den schriftlichen Anmerkungen der Befragten hervor“, so die Expertin für Grundlagenforschung. Und der Wunsch nach Unterstützung und Information über die Rechte wird vielfach geäußert. Ein gutes Arbeitsklima und ein sicherer Arbeitsplatz zählen ebenfalls zu den wichtigsten Faktoren, die sich Leiharbeiter wünschen. Frauen haben ein stärkeres Bedürfnis nach fairen und kompetenten Vorgesetzten und guten Gesundheitsbedingungen als Männer. Männern sind hingegen Aufstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten wichtiger.

Der Übernahmewunsch ist bei Männern wie Frauen gleichermaßen groß: 41% der Angestellten und 31% der Arbeiter würden sich eine Übernahme durch den Beschäftigerbetrieb wünschen.

AK-Rechtsberatung

Pro Jahr nutzen rund 300 Leiharbeiter die AK-Rechtsberatung: Das ist bei einer Gesamtzahl von 2.900 im Bundesland Salzburg (Stand Juli 2007) bereits jeder neunte.

Terminwidrig abgemeldet, keine Zulagen ausbezahlt

Der Salzburger B. war bei einer Überlasserfirma zuletzt im März 2007 tätig. Die Monatsabrechnung für März wurde vom Arbeitskräfteüberlasser handschriftlich ausgestellt. Dabei fiel den AK-Arbeitsrechtsexperten auf den ersten Blick auf, dass noch ein Nettobetrag von knapp 500 Euro offen war. Mit Mitte April wurde das Dienstverhältnis vom Dienstgeber mit dem Argument gekündigt, man habe keine Aufträge mehr für ihn. Der Dienstgeber meldete Herrn B. auch umgehend von der GKK ab, ohne ihn davon in Kenntnis zu setzen. Es handelte sich um eine frist- und terminwidrige Auflösung. Daher standen Herrn B. die Kündigungsentschädigung, die noch offenen Montagezulagen, Entfernungs- und sonstige Sonderzulagen ebenso wie die Urlaubsersatzleistung zu. Mit Hilfe der AK kam B. zu seinem rechtmäßigen Geld. Es handelte sich dabei um 1.500 Euro netto.

Kontakt: AK Rechtsabteilung, Tel: 0662-8687-88

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Studie bestellen

Der ausführliche Bericht der AK-Grundlagenexpertinnen Mag. Renate Böhm und Mag. Hilla Lindhuber „Ganz unten in der Hierarchie - Arbeitsklima-Index von LeiharbeiterInnen“ kann in der AK kostenlos angefordert werden.

Tel: 0662-8687-338, E-Mail: hilla.lindhuber@ak-salzburg.at oder Download unter www.ak-salzburg.at

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