Nur Vorsorge führt das System aus Teufelsmühlen und Kostenfallen

Das Österreichische Gesundheitssystem ist eigentlich ein Krankheitssystem, darin waren sich alle Anwesenden der Veranstaltung „Zukunft Gesundheit“ der AK einig. Bekämpft werden Krankheiten, nicht deren Ursachen. „Deshalb ist Verhältnisprävention, nicht nur in Betrieben, sondern im gesamten Lebensumfeld, unerlässlich“, sagt AK-Präsident Siegfried Pichler. Die Lebensumstände der Menschen – in einem geringeren Maß die medizinische Versorgung – bestimmen die Gesundheit: Bildung, Einkommen, Arbeitsbedingungen, Wohnen und Umweltfaktoren sind entscheidend.

Martin Rümmele, Buchautor und Gastvortragender der Veranstaltung, liefert eine durchwachsene Bestandsaufnahme des Gesundheitssystems: Die höchste Agrarförderung im Land wird für den Export zuckerhaltiger Getränke kassiert. Fehlende Transparenz am Pharmamarkt ermöglicht Absprachen. Ohne diese Mauscheleien könnten Medikamente bis zu 20 Prozent günstiger sein. Oder die großen Player liefern sich regelrechte Schlachten vor Gericht, um Konkurrenzprodukte möglichst lange vom Markt fernzuhalten – auch das macht Medikamente teurer.

Zunehmender Stress sorgt dafür, dass Arbeitnehmer immer weniger Zeit zum Essen haben: Die Mahlzeiten werden unregelmäßiger eingenommen und immer ungesünder. Günstige, gesunde Lebensmittelangebote konterkarieren manche Marktriesen mit billigen Wurtsemmeln und Kracherln als Mittagsmenü. Ein Viertel der Bevölkerung kann sich keinen Urlaub leisten. Würden alle Überstunden in Österreich wegfallen könnten rund 100.000 neue Jobs geschaffen werden. Und es gäbe weniger Folgekosten. Denn zwei Drittel der „Überstundler“ haben Rückenprobleme.

Bildung ist ein Hauptfaktor bei der Präventation

„Viele dieser Probleme können durch sinnvolle Prävention verhindert werden“, sagt AK-Präsident Siegfried Pichler. Deshalb setzt die AK auf Vorsorgeprojekte wie die Kampagne „I schau auf mi UND di“ mit der in den Betrieben psychische Erkrankung thematisiert wird und die Ausbildung von Gesundheitsvertrauenspersonen, um betriebliche Gesundheitsförderung zu forcieren. Aber auch zwischen Einkommen und Bildung auf der einen Seite und Gesundheit auf der anderen Seite besteht ein starker Zusammenhang. „Ärmere Menschen sterben früher. Deshalb ist Bildung und Weiterbildung für die AK der zweite wichtige Faktor für nicht nur weniger Krankheit, sondern mehr Gesundheit insgesamt. Gesundheit ist dabei nicht nur jedes einzelnen, sie ist eine gemeinsame Verantwortung“, so Siegfried Pichler weiter.

Landesrätin Erika Scharer zu diesem Punkt: „Die zehn Österreichischen Gesundheitsziele sind eigentlich Krankheitsziele und müssten nicht nur umgeschrieben werden, sondern es müsste ein Umdenken stattfinden. An erster Stelle muss es dabei unsere Aufgabe sein, soziale Bedingungen zu schaffen, die eine gute Gesundheit für die gesamte Bevölkerung ermöglichen. Der Schlüssel zur Gesundheit ist schließlich die Möglichkeit zur sozialen Beteiligung.“

Einfluss der Pharmakonzerne zurückdrängeln

Martin Rümmele rechnet auch mit manchen Zahlen der Pharmalobby ab: Von bis zu 6000 Opfern der saisonalen Grippe ist in mancher Werbung die Rede. Damit sind Österreicher angeblich siebenmal so anfällig für die Grippe wie der Rest Europas. Zudem werde ein Großteil der Forschung von Privatunternehmen finanziert. Sogar die USA finanzieren mehr über die öffentliche Hand. Absprachen und zu wenig Konkurrenz um einen begrenzten Kuchen führen dazu, dass neue Ideen, Fachrichtungen und Ansätze sich kaum durchsetzen können.

„Die Lebensverhältnisse gehören geändert. Aber an Veränderung hat die Pharmaindustrie kein Interesse“, sagt Siegfried Pichler. „Um das solidarisch finanzierte, öffentliche Gesundheitssystem mit dem Einzelnen zumutbaren Beitragssätzen zu erhalten und zu stärken braucht es eine breite Basis. Die Ärzte sind hier wichtige Partner, denn Verhältnisprävention muss auch ihre Aufgabe sein“, so Pichler weiter.

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